Meine Kurzgeschichten

Der Ferienbus

Hannes Diesel fuhr seit vielen Jahren den Schulbus von Friedrichshain nach Wannsee. Er liebte seine Arbeit. Er liebte Kinder, leider hatte er selbst keine.

Hannes fuhr Kinder von der 1. bis zur 3. Klasse. Für ihn war es immer etwas ganz besonderes, wenn nach den Sommerferien die neuen Kinder aus der 1. Klasse in den Bus stiegen. Sie waren sehr neugierig.

Oder hatten Angst, weil sie ohne ihre Mutter Bus fuhren. Dann gab es Kinder, die viel Krach machten. Sie schrien, lachten oder alberten ausgelassen. Da gab es aber auch das Gegenteil, Mädchen und Jungen, die still in sich gekehrt auf ihrem Platz saßen, die gar nichts von sich gaben.  Weil sie zu schüchtern oder ängstlich waren oder kleine Eigenbrötler, die keine Freunde besaßen. Er saß auf seinem Fahrersitz hinter dem Steuer und beobachtete was ringsum ihn herumgeschah.

Dieses Mal war alles anders. Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien und für Hannes der letzter Arbeitstag. Ab morgen würde er in Rente gehen. Er freute sich auf seinen neuen Lebensabschnitt, gleichzeitig war er aber auch traurig, denn er sah nicht mehr die Kinder. Er vermisste sie jetzt schon.

Zunächst war aber erst einmal der letzte Arbeitstag angesagt. Hannes hatte sich für diese Fahrt etwas Besonderes für seine kleinen Fahrgäste ausgedacht. Jedes Kind, das in den Bus stieg, musste ihm eine Frage beantworten.

“Welches ist dein Lieblings Land, in das du gerne fahren möchtest?“

Theresa wollte nach Panama.

Tommi in den Wilden Westen.

Katy nach Island.

Die Kinder waren total begeistert. Susi fragte Helene was sie geantwortet hatte. „Ich will nach Indien.“

Peter fragte seinen Freund Toni. „Ich will zu meiner Oma nach Mexiko.“

Die Aufregung der Kinder schien kein Ende nehmen zu wollen. Es dauerte einige Zeit bis sie sich beruhigt hatten. Als es soweit war, rief Hannes vergnügt in sein Mikrofon.

„Schnallt euch an, haltet euch fest, die Reise geht los.“

An den Haltestellen rief er jeweils die Ziele aus, die sich die Kleinen ausgesucht hatten. Einmal hielten sie in Mexiko, das andere Mal in Ägypten oder am Nordpol. Es waren nur noch wenige Kinder im Bus, als er an der Haltestelle England stoppte. Das Funksprechgerät ertönte mit einem Klingelton.

„Bus 969, bitte melden!“

„Hier ist Bus 969, Hannes Diehsel.“

„Hallo Hannes, hier ist die Verkehrsleitzentrale, du musst die Kaiserstraße umfahren, dort gab es einen Unfall.“

Dieser wollte gerade nachfragen, was genau passiert war, als Theresa, eines seiner Lieblingskinder an die Fahrerkabine trat und um die Ecke schaute. Hannes sah das Mädchen an: „Na, Theresa was möchtest du? Du weißt, dass du während der Fahrt auf deinem Sitz bleiben sollst!“

„Sie fahren ja gar nicht.“

Hannes schmunzelte: „Stimmt, da hast du recht. Trotzdem darfst du den Sitzplatz nicht verlassen, bis wir an der Haltestelle ankommen, an der du aussteigst.“

„Ich wollte nur mal sehen mit wem Sie sprechen.“

„Du bist mir eine ganz Neugierige.“

„Ja natürlich, ich muss doch schauen, ob Sie nicht krank geworden sind.“

 „Das ist nett von dir. Nein, mir geht es gut. Ich habe nur die Information bekommen, dass wir einen Umweg fahren müssen.“

„Ach so, es freut mich, wenn es Ihnen gut geht, jetzt setze ich mich wieder auf meinen Platz.“

„Ja, gehe nur.“

Während Hannes beobachtete, wie die Kleine zu ihrem Sitz zurückkehrte und sich anschnallte, beendete er das Gespräch mit der Leitzentrale. Nachdem die Kinder an der letzten Haltestelle, der regulären Strecke ausgestiegen waren schloss er die Türen des Busses und fuhr los.

Er nahm das Mikrofon zur Hand und informierte die übrigen kleinen Fahrgäste.

„Wegen eines Vulkanausbruchs können wir das Ziel Sizilien leider nicht direkt anfahren, sondern machen einen Umweg.“

Dieser Weg war wesentlich schöner als der alte, sie kamen an einem wunderschönen Park vorbei, über dem kleine Papageien flogen. Als nächstes fuhren sie durch eine alte Villengegend, in denen ein Haus stand, dass wie ein kleines Schloss aussah.

Endlich kamen sie am letzten Stopp mit ziemlicher Verspätung an. Durch die Umleitung war viel Verkehr auf den Straßen, sodass sie öfter im Stau standen.

„Endstation Panama, alles aussteigen.“, kündigte Hannes den letzten noch im Bus verbliebenden Kindern an.

Theresas Mutter stand an der Haltestelle, sie sah besorgt und gestresst aus. Kaum hatte der Bus angehalten, sprangen die Kinder aus dessen Inneren. Bevor Theresa ausstieg wendete sie sich an Hannes.

„Herr Diehsel vielen Dank, für die schöne Ferienfahrt. Wir sehen uns nach den Sommerferien wieder.“ Verabschiedete sich Therese bevor sie den Bus verließ.

„Theresa, bitte gerne. Hauptsache es hat euch Spaß gemacht.“

„Ja, ganz viel. Auch die Strecke war heute viel schöner.“

„Das freut mich außerordentlich. Aber wir werden uns nach den Ferien nicht wiedersehen. Das war heute meine letzte Fahrt. Ab morgen habe ich für immer Urlaub.“ Bei diesen Worten begannen Hannes Augen verdächtig zu glänzen.   

„Och, das ist aber schade.“ Theresa ging auf Herrn Diehsel zu, um ihn zum Abschied zu umarmen. Dann sprang sie auf die Straße zu ihrer Mutter und winkte Hannes, der bereits wieder den Motor angelassen hatte, ein letztes Mal zu.

Eine Woche später klingelte es bei Hannes an der Tür. Er öffnete, vor ihm stand Susanne Sommer, Theresas Mutter.

„Guten Tag Susanne, das ist aber eine Überraschung …  Oder muss ich jetzt Frau Sommer sagen?“

„Nein, Herr Diehsel, für Sie immer noch Susanne.“

Hannes erinnerte sich noch an die kleine Susanne, die er einst wie ihre Tochter heute mit dem Schulbus gefahren hatte. Sie war damals genauso aufgeweckt und liebenswürdig wie Theresa.

Susanne entschuldigte sich für den Überfall, wollte aber etwas mit ihm besprechen.

„Herr Diehsel haben Sie einen Moment Zeit für mich?

„Komm rein Susanne. Ich mache uns einen Tee, dann können wir sprechen.“

Theresas Mutter erzählte, dass sie seit zwei Jahren Witwe war. Der Arbeitgeber hatte ihr angeboten, die Arbeitszeit aufzustocken. Da sie das Geld brauchte, wollte sie ihm gerne zu sagen.

„Herr Diehsel, ich habe niemanden, bei dem das Kind unterkommen könnte. Deshalb will ich Sie fragen, ob sie nicht Lust haben bei Theresa als Tagesopa einzuspringen.“

Verdutzt schaute er Theresas Mutter an, er und Tagesopa? Innerlich musste er grinsen, verspätet, aber immerhin bekam er doch noch ein Kind, wenn das seine Kathrin noch erlebt hätte. Wieder kamen ihm die die Tränen. Mensch Hannes, du wirst auf deine alten Tage noch rührselig.

„Susanne dein Vertrauen ehrt mich, was sagt denn die Kleine dazu?“

„Oh, die ist ganz aus dem Häuschen und freut sich wie Bolle.“

„Wenn das so ist, dann mache ich euch den Tagesopa mit Freude.“

Theresas Mutter konnte ihr Glück kaum fassen, ihre Augen schimmerten feucht. Mit neuer Hoffnung für die Zukunft verabschiedete sich Susanne von Hannes. Dieser schloss hinter ihr die Tür. Sprang jubelnd in die Höhe, rieb sich die Hände dabei und rief: “Ich bin Tagesopa, ich bin Opa geworden!“

© Angelika Depta 08/2018 überarbeitet 06/2020