Meine Kurzgeschichten

Der Ferienbus

Der Ferienbus
Bild © by Angelika Depta

Hannes Diehsel fuhr seit vielen Jahren den Schulbus von Friedrichshain nach Wannsee. Er liebte seine Arbeit. Sie war sein Traumjob. Er liebte Kinder.

Hannes kutschierte Kinder der 1. bis zur 3. Klasse. Für ihn war es immer etwas besonderes, wenn nach den Sommerferien die neuen Kinder aus der 1. Klasse in den Bus stiegen. Entweder waren sie sehr neugierig oder hatten Angst, weil sie ohne ihre Mütter unterwegs waren. Dann gab es die, die viel Krach machten,  sie schrien, lachten, alberten herum. Oder es gab das ganze Gegenteil, Mädchen und Jungen, die still auf ihren Sitzen saßen, gar nichts von sich gaben, weil sie sich nicht wagte etwas zu sagen und alles beobachtete was ringsum geschah.

Dieses Mal war alles anders. Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien und Hannes hatte seinen letzten Arbeitstag. Ab morgen würde er in Rente gehen. Er freute sich darauf, war aber auch traurig. Das bedeutete für ihn, dass er die Kinder nicht mehr sah.

Hannes hat sich für die letzte Fahrt etwas ausgedacht. Jedes Kind, das in den Bus stieg wurde gefragt:“ Welches ist dein Lieblings Land, wo du hinfahren möchtest?“

Theresa wollte nach Panama. Peter nach Peru, Sabine nach Kanada …

„Schnallt euch an, haltet euch fest, die Reise geht los.“ Ertönte die Stimme des Busfahrers aus den Lautsprechern.

An den Haltestellen rief er jeweils die Ziele aus, die sich die Kleinen ausgesucht hatten. Einmal hielten sie in Mexiko dorten stiegen Moritz und Kai aus, das andere Mal in Ägypten oder am Nordpol wo Samira und Svenden Bus verließen. Es waren nur noch wenige Kinder im Bus, als er an der Haltestelle England stoppte. Das Funksprechgerät meldete:

„Bus 969, Hannes Diehsel, sprechen Sie!“

„Hallo Hannes, hier ist die Verkehrsleitzentrale, du musst die Kaiserstraße umfahren, dort gab es einen Unfall.“

Der Busfahrer war in Begriff zu fragen, was genau passiert sei, als Theresa eines seiner Lieblingskinder an die Fahrerkabine trat und um die Ecke schaute. Hannes sah das Mädchen an: „Na, Theresa was möchtest du? Du weißt, dass du während der Fahrt auf deinem Sitz bleiben sollst!“

„Sie fahren ja gar nicht.“

Hannes schmunzelte: „Stimmt, da hast du recht. Trotzdem darfst du den Sitzplatz nicht verlassen, bis wir an der Haltestelle ankommen, an der du aussteigst.“

„Ich wollte nur mal sehen mit wem Sie sprechen.“

„Du bist mir eine ganz Neugierige.“

„Ja natürlich, ich muss doch nachsehen, ob Sie nicht krank geworden sind.“

„Das ist nett von dir. Nein, mir geht es gut. Ich habe nur die Information bekommen, dass wir einen Umweg fahren müssen.“

„Ach so, es freut mich, wenn es Ihnen gut geht, jetzt setze ich mich wieder auf meinen Platz.“

Während Hannes beobachtete, ob die Kleine sich auch anschnallte, Beendete er das Gespräch mit der Leitzentrale. Nachdem die Kinder hier ausgestiegen waren schloss er die Türen des Busses und fuhr los.

„Wegen eines Vulkanausbruchs können wir das Ziel Sizilien leider nicht direkt anfahren, sondern machen einen Umweg“, informierte Hannes seine Fahrgäste.

Dieser Weg war wesentlich schöner als der, den sie sonst immer fuhren. Sie kamen an einem wunderschönen Park vorbei, über dem kleine Papageien flogen. Durch die Umleitung war viel Verkehr auf der Straße, sodass sie mit Verspätung am letzten Stopp ankamen.

„Endstationen Panama, alles aussteigen.“

Theresas Mutter stand an der Haltestelle, sie sah besorgt und gestresst aus. Der Bus hielt, die letzten Kinder sprangen aus seinem Inneren. Bevor Theresa ausstieg, bedankte sie sich bei Hannes für die Ferienfahrt. Mit der Bemerkung, dass man sich nach den Ferien wiedersah, verabschiedete sie sich. Der Busfahrer erzählte ihr, bevor sie ausstieg, dass dieses seine letzte Tour gewesen sei, er ginge für immer in Urlaub.

Eine Woche später klingelte es bei Hannes an der Tür. Er öffnete, vor ihm Susanne Sommer, Theresas Mutter.

„Guten Tag Susanne, das ist aber eine Überraschung – oder muss ich jetzt Frau Sommer sagen?

„Nein, Herr Diehsel, für Sie immer noch Susanne.“

Hannes erinnerte sich noch an die kleine Susanne, die er einst wie ihre Tochter heute mit dem Schulbus gefahren hatte. Sie war damals genauso aufgeweckt wie Theresa heute.

Sie fragte, ob er einen Moment Zeit hätte. Susanne entschuldigte sich für den Überfall, wollte aber etwas mit ihm besprechen. Bei einer Tasse Tee erzählte sie, dass sie seit zwei Jahren Witwe war. Der Arbeitgeber hatte ihr angeboten, die Arbeitszeit aufzustocken. Da sie das Geld brauchte, wollte sie gerne zu sagen, hatte aber das Problem, dass Theresa nachmittags alleine war.

„Herr Diehsel, ich möchte Sie fragen, ob sie nicht bei Theresa als Tagesopa einspringen könnten.“

„Susanne dein Vertrauen ehrt mich, was sagt denn die Kleine dazu?“

„Oh, die ist ganz aus dem Häuschen und freut sich wie Bolle.“

„Wenn das so ist, dann mache ich euch den Tagesopa mit Freude.“

Theresas Mutter konnte ihr Glück kaum fassen, ihre Augen schimmerten feucht. Mit neuer Hoffnung für die Zukunft verabschiedete sich Susanne von dem ehemaligen Busfahrer. Dieser schloss hinter ihr die Tür. Sprang jubelnd in die Höhe, rieb sich die Hände dabei und rief: “Ich bin Tagesopa, ich bin Opa geworden!“

© Angelika Depta 08/18 überarbeitet 09/18

Veröffentlicht von Angelika Depta

Seit einigen Jahren verbringe ich meine Freizeit hauptsächlich mit schreiben. Bei der Schule für modernes Schreiben und der Schule des Schreibens habe ich mir das nötige Rüstzeug geholt um Kurzgeschichten zu schreiben. Nebenbei habe ich eine Schreibgruppe gegründet, die sich regelmäßig trifft. Eine meiner Lieblings Tätigkeiten ist als Testleserin mitzuwirken. Zurzeit arbeite ich an meinem ersten Fantasy Roman, den ich Jahr 2020 abschließen werde.

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